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Rostrot


Rostrot

Debby Wellington blinzelte. Winzige goldgelbe Sonnenstrahlen hatten sich durch die umsichtig geschlossenen Fensterläden geschlichen und glitten nun leise tänzelnd über ihr Gesicht. Noch nicht, dachte Debby, zog die flauschige Decke noch etwas weiter über ihren Kopf und kuschelte sich in die weiche Tiefe der Kissen, wobei ihr nackter Rücken gegen eine seidig weiche Oberfläche rieb. Seidig weiche Oberfläche? Das einzige Seidenkissen, das Debby jemals besessen hatte, lag vermutlich über und über mit Speichel besudelt im Hundekörbchen ihres Golden Retrievers Charly. Debby hob zögernd ihre Hand und strich mit leicht zitternden Fingern und mit fest zusammengekniffenen Augen über den ihr unbekannten und äußerst befremdlich vorkommenden Gegenstand. Wie auf Kommando bewegte sich dieser ruckartig und ein gurgelndes Geräusch drang an ihr Ohr, das augenblicklich die wenig erotischen Ausmaße eines männlichen Schnarchers annahm. Männlicher Schnarcher? Debby war mit einem Schlag hellwach und riss ihre großen blauen Augen auf, schob die Decke beiseite und drehte sich panisch in die Richtung, in der sie ihren, mehr oder weniger freiwilligen, Bettgenossen vermutete.
Der Mann direkt neben ihr hatte mindestens schulterlange, rostrote Haare, die normalerweise locker nach hinten gekämmt und mit einem Haargummi streng fixiert waren, jetzt allerdings in feinen Wellen über die himmelblauen samtenen Kissen fielen. Er hatte fein geschnittene Gesichtszüge, Nase und Wangen waren mit kleinen blassrosa Sommersprossen übersät und seine langen, dunklen Wimpern verliehen ihm ein sanftes und zugleich verführerisches Aussehen. Seine Lippen bildeten einen perfekten Amorbogen, schienen fest zu sein und unwillkürlich saugten sich Debbys Augen an ihnen fest, fühlte sie in Gedanken diese Lippen auf die ihren gepresst.
Sein Oberkörper war nackt und hell, nur leicht mit einem rostroten Haarflaum und den vielen typischen Sommersprossen bedeckt, die verspielt unter der Bettdecke hervorlugten. Die breiten Schultern und die muskulösen Oberarme sowie seine herrlich trainierte Brust mit den zarten Brustwarzen zeichneten ihn als Beschützertypen aus und sorgten, ob gewollt oder nicht, bei jeder Frau für schwache Knie und eine vor Verlangen bebende Oberweite. Der schöne Unbekannte lächelte im Schlaf. Ein langes, seliges Lächeln, welches seine natürliche Schönheit nur noch untermauerte. Während Debbys Blick bewundernd über diesen weichen Männerkörper wanderten, umspielte auch ihre Lippen ein kaum merkliches Lächeln und die Erinnerung an die vergangene Nacht drang langsam in ihr Bewusstsein.
Chris Hamilton. Norweger. Fünfundzwanzig Jahre alt, Single. Sie hatte ihn gestern Nacht erst kennen gelernt, zwischen einer herben Zigarette und einem viel zu warmen Tequila Sunrise in einer dieser kleinen gemütlich eingerichteten Nachtlokale mitten in der Londoner Innenstadt. Normalerweise trank Debby Wellington nicht und der krebserregende Zigarettenrauch war für sie allenfalls ein besserer Scheidungsgrund. Doch die ganzen aufgestauten Emotionen der vergangenen Wochen, gepaart mit den Vorfällen des gestrigen Tages hatten ihre Meinung diesbezüglich ein wenig ins Wanken gebracht und sie hatte alle sich selbst auferlegten Beschränkungen leichtfertig über Bord geworfen. Debby war nicht die Frau, die mit Vorsätzen brach. Doch wie für alle Dinge war auch hier die Zeit für ein erstes Mal gekommen.


Mehrere Jahre lang war sie nun als freischaffende Autorin und gelegentlich als Künstlerin der Moderne tätig gewesen und hatte durch ihre hochwertigen Arbeiten, sowie durch das gesicherte Einkommen ihres Mannes Dave Wellington einen recht ansehnlichen Lebensstandart erreicht. Während sie ihre Tage in schicken kleinen Cafés oder Edelboutiquen verbrachte, im Kreise der High Society Champagner schlürfte und edelstes fois gras verspeiste, leitete Dave einen der größten Automobilkonzerne der gesamten britischen Inseln, deren Einflussgebiete sich weltweit erstreckten. Gelegentlich, wenn Debby eine Phase künstlerischen Drängens überkam, meist nach dem Genuss eines herrlich erotischen Buches einer ihrer Lieblingsautorinnen oder einem anregenden Flirt mit einem ihrer vielen Bewunderer, fuhr sie zu dem eigens für sie angelegten Atelier am Rande eines kleinen Wäldchens, um ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen. Und Erfolge erzielte sie damit! Ihre besten Käufer stammten aus Frankreich und Italien, den Ländern der Liebe und Offenherzigkeit und letztere bekam ihr Konto jedes Mal zu spüren, wenn eine weitere ihrer kleinen Vernissagen sich dem Ende näherte. Zum Teil schwerreiche Männer, besonders aus älteren Generationen, reisten hunderte von Meilen, um ihre Bilder zu bestaunen und vor allem, um die hübsche Debby mit ihren lüsternen Blicken zu verschlingen.
Schon immer war die junge Britin wunderschön gewesen. Schon als kleines Mädchen wurde sie wie eine Prinzessin behandelt; sie trug die teuersten Kleider von Gucci oder Dolce und Gabbana, den besten Schmuck und bekam das beste Essen vorgesetzt, das der hauseigene Sternekoch für sie aufzutischen in der Lage war. Dann schließlich mit 16 Jahren erhielt sie ihren heiß geliebten silbernen Mercedes und Heiratsanträge von den bestbetuchtesten Männern, die das Vereinte Königreich zu bieten hatte. Ihre Eltern, Jonathan und Catherine McDowell, waren ebenfalls sehr reiche und angesehene Leute gewesen und so schmerzte es nicht nur Debby, die damals 18 jährige, als beide bei einem grausamen Autounfall ums Leben kamen. Kurz darauf heiratete sie den um 40 Jahre älteren Dave Wellington, den ihre Eltern ihr als den perfekten Ehemann präsentiert hatten, übernahm dessen Namen und Lebensstandart. Dies alles geschah jedoch anfänglich nicht aus Liebe, eher aus dem Verlangen heraus, dem letzten Wunsch ihrer verstorbenen Eltern zu entsprechen. Jedoch, an Geld mangelte es ihr nie. Und an schönen Bekanntschaften auch nicht. Wo auch immer Debby auftauchte, stets war sie der strahlende Mittelpunkt jeder Gesellschaft, ihr blondes, hüftlanges, glattes Haar umspielte dann sanft ihren kurvenreichen Körper, wobei die platinfarbenen Strähnen verführerisch im Licht der Sonne erstrahlten. Inzwischen war sie eine geschiedene Frau von vierundzwanzig Jahren, deren Vermögen auf die Hälfte geschrumpft war, in einer kleinen Villa außerhalb von London wohnte, umgeben von blühenden Wiesen, Weideflächen und sogar einem kleinen Wäldchen, neben dem das kostbare Atelier stand. Die platinblonden Haare waren ihr geblieben, ebenso die teueren Kleider und Accessoires, der inzwischen erneuerte Mercedes auf der Kiesauffahrt. Aber eines hatte sie verloren: ihre Kreativität und diese würde nun unzweifelhaft ihre einzige Einnahmequelle sein, jetzt, wo sie nicht mehr auf Daves Schwindel erregend hohes Einkommen hoffen konnte. Schließlich wäre sie mit ihrem verschwendungs- und prunksüchtigen Lebensstil, den sie sich bereits in jüngstem Kindesalter angeeignet hatte, schneller verarmt, als ihr lieb gewesen wäre.
In den ersten Monaten nach der Scheidung verlief das Leben von Debby Wellington noch wie gewohnt, als wäre dieser lästige Zwischenfall des Scheidungsaktes niemals gewesen. Sie hegte nicht den Wunsch, zu Dave zurückzukehren. Sollte er sich doch weiterhin mit den vielen Bediensteten in den unzähligen engen Besenkammern seiner neuen Residenz vergnügen. Wenn er Pech hatte, und das wünschte ihm Debby von ganzem Herzen, würde er es Boris Becker gleichtun und durch das öffentliche Interesse seinen bisher unbeschmutzten Ruf ruinieren. Sie hingegen, würde es schon schaffen, im Medienrummel, den die Scheidung mit sich zog, ganz nach oben zu kommen beziehungsweise zu bleiben. Somit gehörten stilvolle, teuere Partys, Ausstellungen und Gourmettempel weiterhin zu ihrem Alltag. Doch sie vermisste das Zeichnen, sie vermisste ihre künstlerischen Fähigkeiten und – ihr Geld wurde knapp.

Was anfänglich noch als schöpferisches Tief bezeichnet werden konnte, und über das Debby müde lächelte, hatte sich allerdings schnell zu einer Art künstlerischen Depression entwickelt und am gestrigen Tag, als sie nach langer Zeit ihren zum Bersten gefüllten Briefkasten öffnete und mit zitternden Fingern die Briefe ihrer französischen und italienischen Bewunderer las, in denen diese von einer Einstellung des Bilderkaufes schrieben, verschwand auch ihr letztes bisschen Hoffnung. Während sie die Zeilen überflog, setzte ihr Herz für einige Schläge aus, füllten sich ihre sonst wunderschönen, blassblauen Augen mit winzigen Tränen und roten Äderchen und sie beschloss, nun aktiv etwas an ihrem Leben zu ändern und vor allem, gegen diese kreative Blockade anzukämpfen. Mit ihren bordeaux lackierten Fingernägeln strich sie die Briefe und Briefumschläge glatt und seufzt noch einmal kurz auf, bevor sie die Post in einen kleinen silbernen Aktenvernichter schob, der gefräßig aufheulte. Sie wollte also ein neues Leben. Und was eignete sich dafür besser, als eine dringend einberaumte Krisensitzung im engsten Freundeskreis in einer kleinen, gemütlichen Bar im Herzen von London?
Bereits am Telefon hatte Sebastian, ihr homosexueller deutscher Freund tiefstes Verständnis und Mitgefühl für ihre derzeitige Situation gezeigt und ihr mit seinem liebevoll in den Hörer geflüsterten „Das kriegen wir schon alles wieder hin, Schätzchen.“ ein winziges Lächeln auf die Lippen gezaubert. Sebastian, der sechsundzwanzigjährige muskelbepackte Supermann, der nach dem Abitur Soziologie studiert hatte und bei einem Auslandsaufenthalt auf den britischen Inseln hängen geblieben war, betrieb nun hier, im Zentrum von London, gemeinsam mit seinem Freund Oliver den wohl angesagtesten Singleclub von ganz Großbritannien. Und genau in diesem Club sollte auch die Aufmunterungsparty für Debby Wellington stattfinden und sie sollte nicht nur ihre bezaubernde Frohnatur zurückerlangen, sondern bestenfalls auch noch einen der vielen schönen Jünglinge kokettieren. Letzteres reizte sie allerdings weniger, außer er war ein besserer Tom Cruise-Verschnitt oder hatte ein sexy Äußeres und ebenso schweres Bankkonto wie Brad Pitt. Trotz des Ansehens des Singleclubs „Place d’amour“, dessen Name eher an ein billiges Bordell statt an eine Nobelbar erinnerte, bezweifelte Debby, dass hier ein Mann genau nach ihrem Geschmack zu finden sein würde. Zumindest nicht in nüchternem Zustand.
Sie hatte sich gerade stöhnend aus ihrer schwarzen Ledercouch erhoben, um sich die letzen Tropfen kalten Kaffees in ihre Tasse zu füllen und sich einen weiteren Schokoladendonut zu gönnen, als die Türklingel schellte und sie unsanft aus ihren tristen Gedanken gerissen wurde. Dabei ergoss sich der Kaffee über ihr viel zu kurzes und eng anliegendes Blümchenkleid und tropfte hinab auf die teuren Guccisandaletten, die sie sich erst vor wenigen Monaten geleistet hatte. Debby fluchte leise und bestimmt, stopfte sich den Donut zwischen die Zähne und schlug, ein wenig zu heftig, mit der Faust nach dem Türöffner. Die Kette sprang zurück und Sebastian schwang sich grinsend an ihr vorbei ins Wohnzimmer, in der einen Hand einen riesigen Strauß frischer roter und weißer Rosen, in der anderen eine Flasche Champagner und eine Box ihrer Lieblingspralinen.
Als er sich zu ihr umwandte und dabei ihr Aussehen bemerkte, versteifte sich sein Körper unmerklich und sein Gesichtsausdruck wechselte von erfreut zu besorgt. „Ach du lieber Himmel. Debby, Darling, wie siehst Du denn aus?“ Er deutete vage mit seiner vor silbernen Ringen starrenden Hände auf die Kaffeeflecken auf ihrem Kleid und die schokoladenbeschmierten Lippen, während sein Blick nun in Richtung ihres Kopfes wanderte. Debby war ungekämmt, einzelne Strähnen ihres normalerweise zurück gekämmten Ponys hingen ihr weit über die Augen und das sonst so schillernde Platinblond hing stumpf und glanzlos in ihr volles Dekollete. Der Maskara war vom stundenlangen Weinen vollkommen verschmiert, ihre Wangen waren ungeschminkt und wirkten fahl und rau. Sie bot den weniger attraktiven Anblick einer Vogelscheuche, oder wenigstens einer jugendlichen Drogensüchtigen, die an zu wenig Crack gekommen war.
Ganz im Gegensatz zu Sebastian. Dieser Mann war nicht nur perfekt gestylt, nein, neben dem hingebungsvoll gegelten schwarzen Haaren hatte er auch noch seine himmelblauen Augen mit einem Minimum an dunklem Kajal perfekt in Szene gesetzt. Dazu trug er eine riesige, auffällige Sonnenbrille, die er sich nun lässig ins Haar schob, peinlich darauf bedacht die gute Frisur nicht zu zerstören. Gleichzeitig nestelte er verlegen an der silbernen Kette mit dem Kreuzanhänger herum, die er um den schlanken Hals trug, und, soweit Debby wusste, ein Verlobungsgeschenk von Oliver war. Dazu bestach er mit seinem großen schlanken Körper, der in knallenge dunkle Jeans und ein schickes Designershirt von Marc’O Polo gekleidet war, an dessen Ärmelansätzen Teile das neuen Drachentattoos hervorlugten. „Vielleicht wie eine Frau, die erst vor kurzem verlassen wurde, deren Kreativität und Vermögen den ultimativen Nullpunkt erreicht haben und die sich fühlt wie eine Viktoria Beckham, nachdem alle Welt durch kürzlich erschienene Gerichtsdokumente herausgefunden hat, dass sie eine Brustvergrößerung vornehmen ließ, obwohl sie ebendies zuvor vehemente dementierte?“ Sie lächelte schwach. Sebastian wirkte irritiert. „Nicht, dass Du das nötig hättest, Engelchen.“ Dabei ließ er bewundernde Blicke über ihre Oberweite wandern. Debby seufzte. Viele Männer schwärmten von ihr und ihrem Busen, das war für sie nichts Neues. Nur mit dem Unterschied, dass sie jeden für solch eine freche Anmache ihr Guccitäschchen ins Gesicht geknallt hätte und auf ihren nagelneuen Highheels davon gestiefelt wäre. Aber damit hätte sie Sebastians zartes Engelsgesicht wahrscheinlich für die Ewigkeit entstellt, was eine Verschwendung gewesen wäre. Zumindest für die Männerwelt. „Wie gesagt, Süße, wir kriegen das schon wieder hin. Alles was du brauchst, ist ein wenig Abwechslung. Du hast lange genug einsam hier in dieser Villa vor dich hin gegrübelt. Aber zuerst..“ Er tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger an die hohe Stirn und setzte einen leichten Denkerblick à la Aristoteles auf, der Debby schmunzeln lies. „Zuerst brauchst Du eine neue Frisur. Und das passende Kleid.“ Sebastian drückte Debby in ihre Ledercouch zurück, schnappte sich ihr Telefon und lief damit ins Nebenzimmer. Debby Wellington atmete tief durch. Dies konnte ein langer, anstrengender Tag und eine noch viel längere Nacht werden.
Sie ließ ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Es war recht groß und ganz in schwarz und weiß gehalten. Das einzige, was nicht in dieses straffe schwarz-weiß-Konzept passen wollte, war der Rosenstrauß, der nun in der Mitte des weißen Marmortisches stand und die kleinen smaragdgrünen Leckereien in der Pralinenbox direkt daneben. An den Wänden hingen Bilder von Monet und Picasso und auch einige kleinere Werke, die sie damals selbst gezeichnet hatte, eines davon zeigte sie halb nackt und war im Vorneherein von einem ihrer italienischen Kunstfreunde skizziert worden. Debby fuhr sich mit den Fingernägeln über die Innenseiten ihres Unterarmes. Ein schönes Gefühl, entspannend, befreiend. Dave war nie sonderlich auf ihre sexuellen und sinnlichen Bedürfnisse eingegangen, für Sex und andere erotischen Spielchen war er, wie er beteuerte, schon zu alt. Dazu war er manchmal ein ziemliches Raubein gewesen. Das war auch der Grund, warum Debby abends oftmals allein ruhelos durch die Straßen zog und sich den ein oder anderen süßen Mann aussuchte. Den sie allerdings nie mit nach Hause nahm. Sie brauchte kein weiches Bett, sie brauchte den Kick. Und viel zu oft fragte sie sich, warum sie bei Dave blieb. Er konnte sie nicht befriedigen, das, was sie wirklich wollte, blieb ihr versagt. Ob aus Altersgründen, Zeitmangel oder anderen Motiven. Aber trotz allem liebte sie ihn oder bildete sich das zumindest ein. Denn attraktiv war er, trotz seiner beinahe sechzig Jahre. Und seine Augen strahlten die Güte und das Wissen aus, das man nur in reiferen Augen sehen konnte. Und sie liebte den Anblick, wenn er abends aus dem Büro kam, sich die Krawatte vom Hals riss und sie herausfordernd ansah, in dem Wissen, dass sie schon wieder zu viel Geld in den unzähligen Cafés und Boutiquen gelassen hatte und nun auf eine Rechtfertigung wartete, die ihm wie immer verwehrt bleiben würde.
Ihr Blick wanderte zum gegenüberliegenden Schrank, vor dem ein weißer Teppich ausgebreitet war auf dem das kostbare Hundekörbchen lag, in welchem Charly sonst stets geschlummert oder sie mit treuen, verständnisvollen braunen Hundeaugen angesehen hatte. Nun lebte der Golden Retriever bei Dave. Ob es ihm dort gut ging? Ihm fehlten sicherlich die Streicheleinheiten und der Spaziergang über die Felder und vor allem ihre weibliche Wärme. Zumindest vermisste sie seine.
Im Nebenraum schritt Sebastian heftig gestikulierend auf und ab, was sehr untypisch für ihn war, da er sonst als die Fleisch gewordene Ruhe auftrat. Debby erhob sich, durchschritt den Raum bis sie endlich vor der Glastür Halt machte, die die Verbindung zum Garten darstellte. Ihre Finger glitten über das kalte Glas, die Sonnenstrahlen hatten es noch nicht erwärmt. Obwohl es bereits Mitte Juli war, kam die Sonne nur selten hinter der Schicht tief hängender dunkler Wolken hervor. Und doch war es erdrückend schwül. Debby öffnete die Tür und trat ins Freie, wobei ihr ein Schwall heißer Luft entgegenwaberte, geschwängert vom Duft frischen Grases. Sie liebte diesen kostbaren Augenblick, wenn sie durch die Tür schritt und diese wilde Odem der Wiesenblumen ihr Herz erfrischte. Sie trat näher an eine der uralten Buchen heran und berührte deren Oberfläche mit wachsendem Staunen. Hinter ihr trat Sebastian durch die Glastür und legte einen Arm um ihre Taille. „Es ist alles arrangiert. Frédéric wird dich in weniger als einer Stunde empfangen. Und danach schauen wir bei Clarisse vorbei, sie war sehr erfreut, von uns zu hören und wird ihren Laden ein Stündchen länger für uns öffnen.“ Debby schmiegte sich an ihren Freund. „Danke. Für alles.“ „Mach Dir keine Gedanken, Süße. Du bist zwar keine Viktoria Beckham, aber ich würde Dir trotzdem mein letztes Hemd geben.“ Mit einem leichten Knuff in ihre linke Pobacke drehte er sich um und lief zurück ins Haus, um die letzten Telefonate zu führen. Clarisse. Schon lange war sie nicht mehr im Designerladen dieser freundlichen, jedoch in die Jahre gekommenen Frau gewesen. Sie ging ins Haus, schminkte sich, wechselte das Blümchenkleid gegen ein etwas weniger gewagtes Exemplar und begab sich anschließend mit Sebastian zu Frédéric. Für die neue Frisur war also gesorgt.

„Du siehst aus wie ein Engel, Chérie.“, säuselte Frédéric, der gebürtige Franzose, in ihre linke Ohrmuschel. Und tatsächlich. Ein einziger kurzer Blick in den Spiegel hätte ausgereicht, um aus der divenhaften Debby eine im Dreck kriechende Ameise zu machen. Ihr, ebenfalls schwuler, Frisör hatte sich mal wieder selbst übertroffen! Nicht nur, dass ihre alten Platinsträhnchen aufgefrischt worden waren, nein, Frédéric hatte weitere künstlerische Akzente gesetzt in Form von wunderschönen dünnen kupferroten sowie einigen dickeren perlweißen Strähnchen. Und dazu hatte er ihr Ringellöckchen verpasst, die wie ein sanfter Schleier ihr helles Gesicht umrahmten. Debby strahlte und in diesem Moment hätte sie nichts lieber getan, als den Schöpfer dieses Meisterwerks an sich zu drücken und ihm die heißeste Nacht seines Lebens zu schenken. Stattdessen verlegte sie sich auf einen herrlich verführerischen Augenaufschlag, den Frédéric mit einem herzlichen Lächeln quittierte. Sebastian bezahlte, wobei er dem Frisör tief in die Augen sah und, nachdem er glaubte, Debby würde nicht hinhören, sich mit Frédéric auf einen speziellen Blowjob einigte. Debby lachte herzhaft auf, Sebastian errötete und schließlich verließen sie den Laden Richtung Clarisses Boutique. Als sie endlich ankamen, stand Clarisse bereits vor eine der zahlreichen Umkleidekabinen, mehrere wunderschöne, aber sehr teure Kleider locker über ihre Unterarme gehängt und schaute ihnen strahlend entgegen. Sie selbst trug himmelblaue Sandaletten, dazu einen knielangen ebenfalls in himmelblau gehaltenen Rock, der mit einem breiten Gürtel versehen, lässig über ihre schmalen Hüften fiel. Ihr Oberteil hingegen war von einem leuchtenden Rot, mit weit ausgeschnittenem Dekollete und mit zierlichen Stickmustern versehen. Ihre vollen Lippen waren in einem tiefen Rosa gehalten, das helle Make-up, sowie der dunkle Lidschatten und Maskara ließen ihr Gesicht erstrahlen und kaschierten die winzigen Fältchen nahezu perfekt. Kaum zu glauben, dass diese reizende Lady schon weit in den Fünfzigern war. „Meine Lieben!“, begrüßte Clarisse ihre Kunden herzlich und küsste beide, ganz nach französischer Manier, erst rechts, dann links, dann wieder rechts auf die Wange. „Sebastian, Du glaubst gar nicht, wie sehr mich dein Anruf heute Morgen überrascht hat. Ihr wart wirklich zu lange schon nicht mehr in meinem kleinen Lädchen.“ Dabei warf sie Debby einen vorwurfsvollen Blick zu. „Ich hoffe, ihr erfreut euch bester Gesundheit. Und Debby, deine Haare – sie sehen einfach umwerfend aus. Wie hast du das nur wieder hinbekommen?“ „Natürliche Schönheit, Clarisse.“, flötete Debby. „Und ein kurzer Besuch bei Frédéric.“ „Ah, natürlich. Er ist ein wirklich ausgezeichneter Frisör. Aber nun, zu einer schöner Frisur gehört ein schöner Fummel. Ich habe dir bereits einige ansprechende Kleidungsstücke herausgelegt, wenn Du mal hier schauen würdest..“ Und das tat Debby. Währenddessen ließ sich Sebastian in eine der schmalen weißen mit Damast bezogenen und mit farbenfrohen Kissen dekorierten Sessel sinken und betrachtete die Szene mit amüsierter Miene. Schließlich verließen beide die Boutique mit drei Einkaufstüten, fünf Kleidern und den dazu perfekt passenden Schuhen und Accessoires, einem deutlich geschrumpften Kontostand, jedoch mit vor Freude strahlenden Gesichtern.

„Ich dachte schon, ich muss die gesamte Boutique durchprobieren.“, stöhnte Debby, als sie die riesige Eichenholztür zu ihrer Villa aufschloss und rieb sich mit theatralischer Geste über ihre Fußknöchel, während sie das Gesicht verzog, als käme sie nicht aus einem Modeladen sondern direkt von der Streckbank einer Folterkammer. „Das dachte ich allerdings auch.“, grinste Sebastian und schob seine Freundin mit sanften Druck in das Wohnzimmer, wo sich beide erschöpft auf die Ledercouch sinken ließen. Debby hob hier linkes Bein an, streifte schelmisch die Sandalette ab und fuhr sich langsam mit den Zehen über ihr rechtes Knie, wobei sie ein leises Schnurren von sich gab. „Die Männer werden dir heute Abend zu Füßen liegen, meine Süße, das schwöre ich dir.“ Dabei versetzte er ihrer Wade spielerisch ein paar sanfte Schläge, die sie mit einem lasziven Lächeln quittierte. „Allerdings solltest du noch einmal deinen Rasierapparat bemühen, ich glaube, da waren noch zwei kleine Härchen.“ Sie lachte herzhaft auf.